Volkers Kreidler Florett RS wird flott gemacht

RS beim Erstkontakt

Rot und schnell, das ist die Vorstellung eines jeden richtigen Kreidler-Fans, rot und schnell muss sie sein, die RS, die Endstufe der Mobilität Kornwestheimer Herkunft. Jeder, der die Floretts, die Zweitakter mit Mini-Motorradoptik, liebt, kennt die Versuche, manchmal professionell, meistens dilettantisch, eine Brot-und-Butter-LF mittels 5,3 PS-Zylinder und 20er Vergaser zur Rakete umzubauen. Muss man doch sagen, dass diese Versuche meistens durch schlimme Motorschäden, meistens irreparabel, bestraft wurden. Warum aber diese Anstrengungen? Warum nicht gleich das Original, die Referenzgröße für Geschwindigkeit und Prestige? Eben eine echte RS?
Leichter gesagt als getan. Was heute, im Zeitalter von Plastikrollern aus Korea, noch an wirklich guten RS auf dem Markt ist, geht gefühlt gen Null. Wir kennen zwar alle die Momente, in denen wir bei einem großen Online-Auktionshaus einen Diamanten mit den berühmten zwei Buchstaben gefunden zu haben glauben, entpuppt sich dieses Teil bei näherem Nachfragen aber nur als eine umgetypte GT. Oder die RS, in den 70ern von der Dorfjugend runtergeritten, an der sich schon seit zwei Generationen selbsternannte Experten versuchen und an denen so ziemlich alles verbastelt ist. Aber das Schlimmste, das Schlimmste sind Fahrzeuge, die eigentlich zum Zeitpunkt ihres Auffindens ein sehr schönes und vor allem unwiederbringliches Dokument jugendlicher Fahrkultur der 60er- und 70 Jahre gewesen wären, wenn nicht ein übereifriger Fan das Teil durch Anwendung von Hochglanzlack „zu Tode restauriert“ hätte.
Aber so wie immer noch Menschen im Lotto gewinnen, passieren manchmal auch Zufälle, die dem Kreidlerliebhaber die Glückshormone in´s Blut schießen lassen: Eine unrestaurierte, originale RS. Das passierte unserem Clubmitglied Volker. Ein guter Freund verriet ihm, dass irgendwo in einer niedersächsischen Kleinstadt ein Sammler eine 69er RS besitzt, die er noch nie gefahren hat und die er verkaufen möchte.
Eine erste Besichtigung fand im Sommer 2011 statt. Volker war begeistert, aber der Preis war der Grund, dass er diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen ließ. Doch obwohl die RS nicht in seiner Garage stand, in seinem Hinterkopf war sie immer. Nun, im Mai 2012, wurde das Zweitaktgeknatter in Volker´s Hinterkopf so laut, dass er sich nach der RS noch einmal erkundigte.
Um es kurz zu machen: Wenige Tage später war sie gekauft und stand in der Werkstatt von Volker´s Freund, der ihm den Tipp damals gegeben hatte.
Auf das Ankicken des Motors wurde erst einmal verzichtet; das Benzin/Öl-Gemisch im Tank war, genau wie das Öl im Getriebe, uralt und oft richtet man mit so einem Startversuch, der sowieso unnütz ist, nur Schaden an. Also erst einmal das Moped zerlegen und eine Fehlteileliste erstellen. Schon beim Abbau der größeren Teile wurde klar: Der Zustand der Maschine ist noch besser als gedacht. Aber auch einige nicht so schöne Erfahrungen wurden gemacht: Die Lampe hat unten eine Delle, der Chrom des Tanks hat stark gelitten, die Reifen sind nicht mehr verwendbar. Aber das war alles zu verkraften. Nach einer Wäsche des Rahmens und einer anschließenden Politur wurde der Motor mit viel Waschbenzin gewaschen und das Öl abgelassen. Die Räder wurden ausgebaut und auf die noch sehr gut erhaltenen Felgen neue Reifen (Heidenau) aufgezogen. Die vom Kreidlerdienst bestellten Teile waren schnell da. Nun konnten auch Kettenrad und -ritzel erneuert werden. Der Inhalt der Gabel war erwartungsgemäß in schlimmem Zustand. Anschlagdämpfer gab es nicht mehr, sie hatten sich mit der Zeit aufgelöst. Also Gabelöl wechseln und neue Anschlagdämpfer verbauen.
Auch die hintere Schwingenachse und die Schwingenbuchsen wurden bei der Gelegenheit erneuert. (Stimmt es so, Olaf?) Diese sollte man immer bei so einer Gelegenheit austauschen. Und zwischendurch immer wieder polieren, polieren, polieren. Gepäckträger, Blechteile, Kettenschutz, usw. Nun das Vorderrad einbauen. Jetzt sah es langsam nach Moped aus. Die Sitzbank war sehr gut erhalten, nur die Ränder des Kunstlederbezuges mussten verklebt werden. Aber auch Rückschläge passierten: Das Drahtgeflecht des Gaszuges war im Begriff, sich aufzulösen. Mist. Das kostete Zeit, denn ein Gaszug wurde nicht bestellt. Jetzt erneut beim Kreidlerdienst anrufen und hoffen, dass schnell ein Paket von Kornwestheim nach Oldenburg geschickt wird. Aber die RS nahm langsam wieder Form an. Sehr schön. Es war so, als blickte sie die beiden Oldtimerfans an und sagt: Danke, dass ihr mich vom Dreck der letzten Jahrzehnte befreit habt.
Als nächstes stand der Motor auf dem Programm. Das Getriebe wurde vorerst nicht geöffnet. Aber Zylinderkopf und Zylinder wurden demontiert, um sich einen Eindruck vom Zustand zu verschaffen. Eine Überraschung: Es handelte sich um einen 6,25-PS-Zylinder, einentlich für eine 69er RS unüblich. Ob es daran lag, dass es sich um ein Modell für den Export in die Schweiz handelte ist bisher ungeklärt. Die Nikasilbeschichtung des Zylinders war jedenfalls nahezu neuwertig. Nach der Reinigung wurde eine neue Zylinderfuß- und eine neue Zylinderkopfdichtung eingebaut und alles wieder montiert.
Auf den Moment des Testens freute sich Volker besonders. Wie wird sie klingen? Wird sie beim ersten Kick anspringen? Was sagte einmal Horst Hill zu Volker: Eine Kreidler muss (!) beim zweiten Kick spätestens anspringen, sonst ist etwas nicht in Ordnung. Das leuchtet ein. Seine 68er LFC ist sogar beim ersten Kick da, egal welches Wetter, egal, wo sie steht. Also: Es blieb spannend.
Nun wurde wieder geputzt. Die letzten Schmutzreste vom Motor entfernen, Bremsen in Waschbenzin auswaschen. Und endlich war es soweit: Der Motor konnte wieder eingebaut werden. So, jetzt sieht´s, zumindest auf den ersten Blick, nach einem richtigen Moped aus. Dann die Schaltumlenkung anbauen und ein neues “Florett”-Emblem auf dem vorderen Schutzblech anbringen.
Beim letzten Treffen, am 18.06.2012, sollte es dann soweit sein: Die RS sollte ihre letzten noch fehlenden Teile erhalten und vor allen Dingen eines, der Motor sollte getestet werden. Für Volker schien es ziemlich unmöglich, dass nach so vielen Jahren des Nichtbenutzens und nach einer kompletten Zerlegung dieses Moped anspringen würde. Aber man sollte nicht zu voreilig sein. Nachdem die letzten Teile wie Kickstarter und Schalthebel angebaut waren, wurde es ernst: Öl aufs Getriebe füllen, zwei Liter 1:50 auffüllen. Das Moped wurde nun rückwärts aus der Werkstatt nach draußen geschoben. Was für ein spannender Moment. Doch der wollte ausgekostet sein. Also erst eine Zigarette rauchen und dabei durch erstarrten Blick auf die RS versuchen, dem Moped seinen Willen aufzuzwingen. Nach sieben Minuten Zigarette ausdrücken, den Vergaser fluten, die Magura-Griffe in beide Hände nehmen, den Fuß auf den Kickstarter, durchtreten und … Nichts. Ein nervöser Blick zur Seite. Nochmal. Und jetzt passierte es: Der Mini-Kolben sog sich das frische Luft/Öl/Benzin-Gemisch durch den 18er Vergaser in das Kurbelgehäuse und von da in den Brennraum des 6,25-PS-Zylinders und die Kerze entzündete das Ganze schließlich bis ein leises “Täng” nach außen drang und die Umwelt sofort entzückte. Gleich darauf das nächste und wieder das nächste, bis ein leichter Dreh am Gasgriff die alte Technik endgültig zum Leben erweckte. Mit lautem Krawall posaunte sie ihre Lebensfreude aus dem frisch montierten Auspuff. So, jetzt schnell die Zündung abblitzen und los ging es. Die erste Probefahrt. Ein Helm war zwar vorhanden, aber natürlich hatte die Maschine keinen TÜV und keine Zulassung. Aber Volker war überzeugt, für diesen Moment hätte jeder Polizist beide Augen zugedrückt.
Also draufsetzen, erster Gang, und vorsichtig los. Es schien alles zu halten. Die Räder liefen sauber, die Bremsen funktionierten. Also zweiter Gang, dritter Gang, Rennhaltung einnehmen, vierter, fünfter Gang. Blick auf den Tacho: 80 km/h. Die Fliegen hämmerten sich wie Splitterbomben auf Volkers Gesicht. Und nun wurde ihm klar, was er längst geahnt hatte: Er hatte was verpasst, damals, Anfang der 80er Jahre, als er mit einer Puch Maxi S und 25 km/h über die Landstraßen tuckerte.

 

zurück zur Übersicht

Impressum